Epilog: Zuege, Sukkulenten
30/05/2009
I. Züge.
ICE Köln–Frankfurt, gegen 7.00 Uhr:
In Montabaur haben zwei Ehepaare umständlich ihre Plätze an einem
Tisch des Großraumwaggons eingenommen. Sie sind etwa Mitte sechzig,
sicherlich gut situiert, die Herren in hellen Baumwollanzügen, die Damen
tragen bequeme Stretchhosen und modische Kurzhaarschnitte. Die eine
der Damen redet nun in einer annähernd gleichbleibenden Frequenz von
Montabaur bis Frankfurt am Main. Sie tut das in einem dringlichen Ton -
fall – gerade so, als müsse sie mit ihren Worten den ganzen langen Zug
alleine vorwärts bewegen, als wäre ihr Geplapper geradezu seine eigent -
liche Antriebsquelle.
Kann man dieser Frau nicht helfen? Heute ist doch alles therapierbar –
notorischer Redefluss etwa nicht?
Hört ihr Gatte noch zu, oder hat er im Lauf der Jahrzehnte einen Weg
ge funden, diskret abzuschalten und seiner Gattin nur noch sporadisch –
quasi imStandby-Modus – verbindlich zuzulächeln?
Man kann es ihm nur wünschen.
Im Hauptbahnhof kreuze ich dann wieder einmal unvermittelt das
Lauffeld einer Menge aus überwiegend jungen Männern und solchen
mittleren Alters (also »rüstigen« Männern, wie man in früheren Zeiten
wohl zu sagen pflegte), die rasch auf mich zukommen. Sie tragen dunkle
Anzüge, Trenchcoats, Laptop- oder Aktentaschen, einige telefonieren,
während sie mit großen Schritten dem U-Bahn–Eingang entgegen stre -
ben. Sie scheinen fest entschlossen zu sein, jedes sich auf ihrem Weg
befindliche Hindernis umstandslos niederzuwalzen. Ich beschleunige
meine Schritte deshalb und sehe nur noch aus den Augenwinkeln für einen
Moment einige ihrer angespannten Mienen.
Ihre Gereiztheit wird vermutlich mannigfachen Ursprungs sein: zum
einen ist es wohl Verärgerung überdie Krise im Allgemeinen, weil diese
just zu dem Zeitpunkt »ausbrechen« musste, als sie sich anschickten, die
steile Karriereleiter zu erklimmen. Ferner könnten sie insgeheim erbost
darüber sein, daß sie (die sich in ihren Träumen gerade noch zumindest
im mittleren Management eines global players gesehen hatten) von einem
Tag auf den anderen durch unwiderlegbare Tatsachen zu der Erkenntnis
genötigt wurden, daß auch sie nur für irgendeine, den üblichen Stumpf -
sinn verzapfende Blödfirma geschuftet hatten, die bald schon als letzte
»Überlebenschance« den »Abbau« ihres Jobs (und noch einiger anderer
natürlich) ins Auge fassen könnte. Und zu guter Letzt könnten sie auch
noch ein wenig ungehalten darüber sein, daß gerade jetzt und unmittel -
bar vor ihnen, dieser Typ über ihren Weg zuckeln muss, der sie womög -
lich noch zu einem Ausweichmanöver zwingen würde, was unweigerlich
zu einem Zeitverlust führen müsse, der – wenngleich er auch nur minimal
ist – trotzdem dazu führen könnte, daß sie ihre Bahn verpassten und dann
um fünf bis zehn Minuten später ins Büro kämen, was hingegen sehr wohl
alles noch verschlimmern könnte (man kennt das schließlich: kleine
Ursachen, große Wirkungen).
Zweifelsohne ist das Hindernis, das ich darstelle, im Vergleich zu dem
Hindernis, das die globale Finanzkrise für sie darstellt, von einer Klein -
heit, die im Nanometerbereich zu suchen wäre, doch mich kann man –
im Unterschied zu jener – immerhin über den Haufen rennen (was ihnen
indessen auch heute nicht gelungen ist).
Regionalbahn Frankfurt – Mannheim, gegen 18.30 Uhr:
Ein Mann steigt ein und bringt den Geruch einer ganzen Hühnerbrate -
rei mit sich. Reflexhaft reiße ich das Fenster über mir auf und schaue
beunruhigt zu ihm hinüber: eine Säufernase in einem Säufergesicht
leuchtet mir entgegen. Daraufhin schaue ich ihn mir genauer an und
kann mich nach Abschluss dieser Kurzinspektion nicht des Gedankens
erwehren, daß es eigentlich weiten Teilen der beseelten Schöpfung vor
diesem Herrn grauen müsste. (Ich könnte einen Abwehrzauber versuchen,
vielleicht ein wenig in der Nase bohren, o.a.)
Schon beginnt er damit, irgendwelche Hühnerteile zu benagen ...
II. Sukkulenten
Später am Abend bleibe ich vor einem großen, schmutzigen Fenster
stehen und starre auf eine Ansammlung von wild wuchernden Zierpflan -
zen auf dem Fenstersims jenseits der Scheibe. Der Eindruck, den diese
Gewächse auf mich machen, ist so überwältigend, daß es sich dabei
eigentlich nur um eine Halluzination handeln kann. Doch je länger ich
schaue, desto gewisser werde ich mir, daß dieses Grünzeug wohl doch
ganz und gar echt ist.
Es handelt sich hierbei um einen Haufen dicksaftiger, für das mensch -
liche Auge fast unentwirrbar ineinander verschlungener Sukkulenten.
Sollte es auch in der Pflanzenwelt so etwas wie »Ungeziefer« geben – diese
fleischigen, an den dünnfingrigen Spitzen einen ockerfarbenen Flaum -
bewuchs tragenden Topfgewächse gehören dann ganz sicherlich in diese
Kategorie. Sie scheinen zwar allesamt von jener Marmorplatte ihren Aus-
gangspunkt zu nehmen, doch längst schon ist dieses beunruhigende
Konglomerat seinen jeweiligen Behältnissen (die es doch eigentlich um-
frieden sollten) entkommen, streckt seine Arme bereits weit in den
Raum hinein – ein blindwütig auf Wachstum reduziertes, zur Formlosig -
keit neigendes, ganz dem Primat der Selbstbehauptung unterworfenes
Geschlinge.
Es gibt da gewisse Stellen an den Trieben, die ganz vertrocknet, porös
und faltig sind, von brauner oder gar schwärzlicher Färbung. Stellen, an
denen (sollte man meinen) das Wachstum innegehalten, jener Trieb ein
von der Natur vorgezeichnetes Ende gefunden hat. Doch gleich hinter
die sen öden, leblosen Bereichen, entfaltet er sich erstaunlicherweise
ungehemmt weiter, in einer nun noch um ein Vielfaches ungezügelter
erscheinenden Fruchtbarkeit.
Nachdem ich mich einige Zeit in den Anblick dieses Zierpflanzen-
Dschungelsversenkthabe,reift in mir die Überzeugung, daß diese Pflanzen
wohl auf eine beinahe pathologische Weise unersättlich sind; doch ande-
rerseits muss es auchin ihrer Natur liegen, sich so scham- und rück-
sichtslos zu entfalten. Obendrein hat es ganz den Anschein, als wären
diese Gewächse ganz sich selbst überlassen und das gewissermaßen auf
Gedeih und Verderb. Ihre offensichtlich agressive Konstitution irritiert
mich übrigens nicht zuletzt auch deshalb, weil mir – ebenso wie wohl der
Mehrheit der Zeitgenossen – das Pflanzliche bisher als Inbegriff des
friedfertigen, stillen, duldsamen Elements gegolten hatte.
Durch ihre hundertfachen Arme kann ich den dahinter liegenden
Raum immerhin so weit erkennen, um ihn für ein einigermaßen herunter -
gekommenes, altertümliches Büro zu halten, das auf eine wunderliche,
etwas ungepflegte Art zeitlos wirkt. In diesem Raum scheinen die üblichen
Parameter, die sonst fuür Vergangenheit und Zukunft zuständig sind, auf
wundersame Weise außer Kraft gesetzt. Sichtbar ist hingegen lediglich
eine sehr willkürlich erscheinende Ansammlung von recht bescheidenen,
doch in ihrer Dürftigkeit auch merkwürdig anrührenden Objekten: Büro -
kommunikations- und Datenverarbeitungsgeräte aus dem letztvergange -
nen Jahrzehnt – man ist beinahe versucht zu sagen: aus dem letzten Jahr -
hundert, denn so sehr muten sie dem Betrachter als einer vergangenen
Epoche zugehörig an. Kurioserweise rufen sie sowohl einen Eindruck
von Schäbigkeit wie auch von Unberührtheit hervor.
Auf all das kann ich mir keinen schlüssigen Reim machen. Diese unge -
tümen Schreibtische dort, mit den klobigen, bereits gelblich verfärbten
Gehäusen der Computer-Bildschirme darauf: welche Arbeit könnte an
ihnen verrichtet werden, was würde man wohl von dort aus verwalten,
bewegen, bilanzieren, kommunizieren, zu einem Abschluss bringen? Ich
vermag zu keiner mich auch nur halbwegs überzeugenden Antwort zu
gelangen, vermute aber anhand von herumliegenden Akten, Aufstell-
Bilderrahmen auf den Tischen, Kalenderblättern und Drucken an den
Wänden, daß dieser Raum zu den Geschäftszeiten Arbeitsplatz für wohl
annähernd ein Dutzend Menschen sein könnte.
Da ich nun mal gerade damit befasst bin, stelle ich mir also des Wei -
teren in aller Ausführlichkeit vor, wie diese Büroangestellten – die sicher
alle samt sehr ruhige, fast verschlossene Wesen sind, unscheinbare und
korrekte Kleidung tragen, höfliche, wenn auch etwas reservierte Umgangs -
formen pflegen, aber vor allem sehr leise, beinahe lautlose Naturen sind –
wie diese Angestellten also während ihrer Arbeitszeit gelassen und routi-
niert ihren schwer nachvollziehbaren Tätigkeiten nachgehen, ganz so, als
würde es sich dabei um so etwas wie profane Riten der Sinnlosigkeit han-
deln. Womöglich verstehen sie sogar im Grunde ebenso wenig wie ein
Außenstehender die großen Zusammenhänge ihrer Arbeit, doch im Unter -
schied zu diesem wissen sie immerhin um die Notwendigkeit ihres Tuns.
Und an diesem Punkt meiner mittlerweile etwas entlegenen Überlegun-
gen angekommen, beginne ich unwillkürlich damit, diese Unbekannten
zu beneiden.
Da sehe ich sie also vor meinem inneren Auge, diese Schicksalsge -
meinschaft, wie jeder Einzelne an seinem Platz mit großer Gelassenheit
und einer beneidenswerten Selbstsicherheit mit den immergleichen ver -
trauten Verrichtungen befasst ist, dabei zuverlässig begleitet von dem
gleichmäßigen, unaufdringlichen Geräusch der Wanduhr über der Ein -
gangstür. Und die Sukkulenten, ihre Sukkulenten, oder möglicherweise
auch nur jene Sukkulenten, mit denen sie sich nur so von ungefähr Raum
und Dasein teilen, wachsen darüber stetig und unaufhaltsam weiter, was
sie – trotz ihres zügellosen Treibens – noch stummer tun als jene Men -
schen, die dort so selbstvergessen ihre Arbeit verrichten. Und die Pflan -
zen wuchern in den Raum wie in eine mögliche Ewigkeit hinein, während
sich die Lebenszeit der Menschen neben ihnen kontinuierlich unter den
täglich wiederkehrenden, gleichbleibenden Handlungen unmerklich ver -
braucht.
Ich starre nun noch angestrengter und suche das Sichtfeld des Fens -
ters noch systematischer ab, gerade so, als könnte ich auf diese Weise
vielleicht doch noch eine Bestätigung finden für meine gänzlich hypothe -
tische Annahme, daß dieser Bereich dort hinter der Scheibe tatsächlich
ein Raum ohne Fragen, Ungewissheiten oder auch nur Zögerlichkeiten
sein könnte. Eine Bestätigung auch dafür, daß dort wirklich Pflanzen und
Menschen die Rollen getauscht haben könnten, so daß auf einmal die Ge-
wächse nicht nur vom Raum Besitz ergreifen, sondern die Welt tätig ver-
ändern, während die ihnen benachbarten Menschen (Angehörige der
Spezies also, die allem Anschein nach gegenwärtig noch diese Welt be -
herrscht) statisch an ihren Plätzen verharren, eigentlich vollauf und zur
Genüge beschäftigt mit dem Vollzug ihrer inneren Stoffwechselkreisläufe
(von denen sie möglicherweise gleichfalls keine genauere Kenntnis besit -
zen und auch nicht die Absicht hegen, eine solche zu erlangen).
Genauestens betrachte ich mir noch einmal diese jämmerliche Schä -
bigkeit der Kunststoffoberflächen der Geräte, die in mir Erinnerungen
an gewisse, seit Jahrzehnten periodisch mit dicken Schichten weißer
Lackfarbeübermalten, immerfort nach Öl riechenden Stellen auf großen,
schwerfälligen Schiffen weckt. Jenen Schiffe aus einer anderen Zeit, an
deren metallenem Rumpf die Wellen hohl anbrandeten, deren Ankerwin -
den mit ihrem Ächzen den Wind durchschnitten, deren unaufhörlich
stampfende Dieselmotoren wie riesenhafte und unermüdliche Tiere die
Stille über tiefen und unbekannten nächtlichen Gewässern durchpflüg -
ten. Jene Orte auf ihren Decks besaßen ebenfalls auf eine wunderliche,
sich fast einer Trostlosigkeit annähernden Weise etwas Anheimelndes,
das andererseits aber auch die Voraussetzung für Fahrten über die einem
menschlichen Gemüt unvertraut und endlos erscheinenden Ozeane in
sich barg.
Und da ist es mir mit einem Mal, als würde ich hier eines seltenen
Phänomens ansichtig, das man meist nur vom Hörensagen kennt und
das gemeinhin als Inversion der Zeit bezeichnet wird. In Wirklichkeit und
entgegen allem äußeren Anschein blicke ich demnach – den spezifischen
Regeln dieses Phänomens zufolge – in ein neuartiges, wahrhaft futuris -
tisches Versuchslabor, das gerade in der jetzigen Situation von einem
modellhaften, zukunftsweisenden Charakter sein könnte. Es scheint mir
nun auch sehr naheliegend, daß jene Angestellten gar nicht verwalten
oder buchhalten, sondern daß ihnen vielmehr aufgetragen wurde, eine
neue Rolle einzuüben: die Rolle des modernen Überlebenden, der sich
bereits mit den zukünftigen Bedingungen und Gepflogenheiten einer
Basisexistenz vertraut macht. Die Rolle also eines auf eine neue Weise
sehr selbstgenügsamen Menschen, dem Kategorien wie Glück oder
höhere Erkenntnis fremd oder immerhin doch recht gleichgültig sind,
da er nur das eine Ziel vor Augen hat, nämlich eine Verfassung zu er -
reichen, in der sein vordringlichstes Bestreben es ist, da zu sein und da
zu bleiben, und dem das dafür unabdingbare schweigsame Ausharren
und eigensinnige Verwurzeln als Anzeichen der höchsten der von ihm
erreichbaren Daseinsstufe gilt, deren Gewinnung er bereitwillig alles
Übrige unterordnet.
Und siehe, jenseits dieser von rostbraunen Bakterienkulturen bevöl -
kerten Scheibe wäre dann also wohl der anvancierteste, zukunfts träch -
tigste Ort weit und breit –und obwohl ich mir durchaus nicht im Klaren
darüber bin, ob ich dieses Experiment nicht von einem ethischen Stand -
punkt aus als eher zweifelhaft oder gar als verwerflich beurteilen sollte,
würde ich in diesem Augenblick nur zu gerne einer der Angestellten dort
sein, würde bereitwillig einen festen, nur für mich bestimmten Platz in
ihrer Mitte einnehmen (der mir – nebenbei bemerkt – ein bescheidenes
Auskommen sichern würde).
Nun ist man hier draußen bereits seit geraumer Zeit ein mehr oder
minder routinierter Rezipient der zwar nicht periodischen, jedoch immer -
hin mit einer gewissen Regelmäßigkeit angekündigten Beinahe- oder
Komplett-Apokalypsen. Und was Katastrophen angeht, so ist man an sie
gewöhnt, zumindest an solche, die sich anderswo ereignen. Man ist sogar
versucht, zu behaupten, daß diese im Grunde auch nur längst integrierte
Bestandteile einer integralen Entertainment-Wirklichkeit sind. Man koket -
tiert sogar nicht wenig damit, daß man womöglich zu den erwählten
Generationen des beginnenden Weltenendes gehört – steckt doch in
dieser gemutmaßten Bestimmung jede Menge Potential für psycho-
pathetische Selbstinszenierungen, die über einen gewissen Chic verfügen.
Davon abgesehen hat man des Weiteren das Privileg, nicht jenen ausge-
löschten Massen anzugehören, die zu irgendeiner Kraut- und Rübenzeit
den Plane ten bevoölkert hatten und nun auf ewig vergessen sind. Die
neuere For schung bezeichnet dieses Phänomen bekanntermaßen als
apokalyptöse Disposition.
Dieses Kokettieren behält seine für gewöhnlich durchaus erquickende
Wirkung solange bei, wie man als Gegengewicht zu dieser Katastrophen -
routine die nur schwer begründbare, doch im Grunde stets vorhandene
Gewissheit hegt und pflegt, daß der Kelch des Ernstfalles doch noch ein -
mal an einem vorübergehen wird – womöglich nur knapp, wahrscheinli -
cher aber doch eher um das ein oder andere Säkulum (ohnehin wird von
Apokalyptischem nicht selten in der eigentlichen Absicht geredet, um
über diesen Umweg diskret darauf hinzuweisen, daß es nun vielmehr
höchste Zeit für die Wiederkunft des verlorenen Paradieses wäre).
Dessen ungeachtet deutet seit einiger Zeit Etliches darauf hin, daß
nun mehr tatsächlich eine neue Stufe des faktischen Dilemmas erreicht
worden ist, die es mit sich bringen könnte, daß die Tage dieser bequemen
und unverbindlichen Zweigleisigkeit endgültig gezählt sein könnten. Und
einigermaßen verwundert hierüber, versucht man sich den Gedanken
näher zu bringen, daß man wohl tatsächlich Zeuge eines Zeitenwandels
werden könnte, an dessen Morgen dieses viel beschworene, doch nie für
möglich gehaltene Phantom unversehens und so überraschend wie eine
Tante aus Amerika an der Tür auftauchen könnte.
Das vielleicht jüngste Indiz hierfür ist jene neuerdings so merkwürdig
steife und gefasste Berichterstattung – nicht nur der sogenannten »seriö -
sen«, sondern auch solcher Medien, die vordem die Attraktivität eines
großzügig ausgestreuten, bunten Potpourris bedrohlicher Szenarien stets
für sich zu nutzen wussten. Selbst jene mühen sich jetzt plötzlich unbe -
holfen in der ihnen recht unbekannten Disziplin des nüchternen, neutra -
len Journalismus und machen dabei eine ziemlich klägliche Figur. So
kommt es auf einmal allerorten in der »Medienlandschaft« zu einer merk-
würdig distanzierten Haltung den Tatsachen und Gegebenheiten gegen-
über, was nun allerdings in der Tat beunruhigend ist. Könnte man die
Contenance der »Seriösen« immerhin noch mit etwas guten Willen auf
ihren zur Genüge bekannten konservativen Altersstarrsinn zurückfüh-
ren, so ist hingegen die plötzliche Zurückhaltung der bis vor kurzem
noch so grellen Schreihälse fast schon gespenstisch.
Gerade, als ich mich endlich von dem Fenster abwenden will, fliegt
mich unvermittelt doch noch ein Gedanke an, der so unmittelbar und ein -
drücklich ist, wie vorhin mein erster Blick auf dieses Büro-Vivarium gewe -
sen war. Was fehlt, denke ich mir, ist womöglich doch ein sogenanntes
»übergeordnetes Prinzip«: etwas also, was imstande sein könnte, sogar
aus einem Untergang noch hervorzugehen, zwar verwandelt, doch in einer
ungeminderten Substanz; etwas, was sich aus dieser stetigen Drangsal
und Beschränkung von Geist und Materie herauswinden ließe, in ein
Gleichmütiges, möglicherweise annähernd Unempfindsames hinein, um
dann irgendwann später vielleicht einmal von diesen Gegen den aus
in ein ungewiss Umgrenztes(und damit doch wohl zumindest ungefähr
Ewiges) hineinzufinden, das als solches endlich die Macht besäße, diese
Dauermisere der Vergänglichkeit aufzuheben, wenn nicht sogar lächer-
lich zu machen.
Etwas Sukkulöses eben.
Was sonst noch geschah: Der letzte Bundesligaklub ist am gestrigen
Abend aus dem laufenden Uefa CupWettbewerb ausgeschieden – kläglich,
wie man liest.
Er hat es deshalb gar nicht verdient, daß man hier seinen Namen nennt.
Auf den Titelseiten der Zeitungen heute wieder mal Fotos von gut ge -
launten Terroristen.
Morgen kein Fußball.
aus: Fahrende Hunde, Darling Publications, 2009.